Story

Wir schreiben den 24. Dezember 2006.

Vor beinahe genau neun Monaten erinnerte sich der Gott der Welt und des Universums, den es eigentlich gar nicht gibt, seiner Neigung zum perfiden Humor und beschloss einen Engel in den Gazastreifen zu schicken. Dieser Bote Gottes, den es vielleicht doch gibt (man muss vorsichtig bleiben und sich für alle Eventualitäten absichern) hatte den Auftrag das noch kinderlose Paar Marizah und Yussuf zu besuchen. Yussuf ist Automechniker mit eigener Werkstatt und chronischem Ersatzteilmangel, er hatte in der Nacht in der der Engel das junge Ehepaar besuchte einen harten Arbeitstag hinter sich und schlief schon früh ein. Marizah dagegen fand keinen Schlaf, sie war erfüllt von einer eigenartigen Unruhe und als sie sich zum Kühlschrank aufmachte um ein Stück Erdbeerjoghurtschokolade zu naschen sass da auf den hölzernen Hockern in der Küche der Engel, den der eine Gott geschickt hatte. Der Himmelsbote hatte den Auftrag den göttlichen Samen in Marizahs Leib zu tragen und sie den Sohn Gottes empfangen zu lassen.

Gott hatte beschlossen, einen weiteren Versuch zu unternehmen Liebe und Güte in Gestalt seines eigenen Fleisches über die Welt wandeln und Wunder wirken zu lassen.

Marizah erschrak als sie den Engel erblickte, doch der sprach:”Fürchte Dich nicht, ich bin der Bote Gottes, ich rate Dir, esse nicht die Erdbeerjoghurtschokolade, zumindest nicht des Nachts, sie wird Dich dick und fett machen.” Marizah, die tatsächlich ein wenig zur Fettleibigkeit neigte, griff sich an den leicht gewölbten Bauch, ihr wurde schwindelig, sie verlor das Bewusstsein und sie sah noch wie der angebliche Engel, der mit Namen “Kirk” hiess, sich aber nicht vorgestellt hatte, auf sie zu kam.

Als Marizah erwachte, lag sie auf dem Küchentisch, nackt, mit einer Möhre im Mund, sie blickte zum Fenster und die Morgendämmerung warf die ersten Sonnenstrahlen in die kleine Küche. Die junge Frau merkte sogleich, dass sich etwas verändert hatte, instinktiv griff sie sich an den Bauch, sie war sicher, es hatte sich etwas gewaltig verändert. Sie erhob sich vom Küchentisch, ihre Knie zitterten und als sie diese unter Kontrolle gebrachte hatte machte sie sich auf in das Schlafzimmer um Yussuf von den Vorgängen in der nächtlichen Küche zu berichten.

In eben dieser Nacht begab es sich, dass drei zufällige Bekannte sich in der Bundesrepublik Deutschland auf einer geheimen Tagung des BND trafen und schätzen lernten. Der Russe “Kasparow”, ehemaliger Schachweltmeister und ehemaliger KGB Topagent, traf auf den im Rollstuhl sitzenden deutschen Geheimdiestchef Schäuble, Deckname “Michel” und dessen dunkelhäutigen Krankenpfleger “Balthasar”. “Schneller, schneller”, blaffte Michel den schwitzenden, etwas dicklichen Baltarsar an, “Schieb´ schneller sonst geht es zurück in den Urwald!” Kasparow, Michel und Balthasar hetzten durch die langen Gänge des BND-Hauptquartiers, sie wussten tief in sich, dass sie nur diese eine Chance hatten, welche Chance, das wussten sie nicht, aber alle drei fühlten, dass es sich um das grösste Abenteuer ihres Lebens handeln würde. “Hier entlang”, kurz und knackig gab Kasparow das Kommando ihm durch eine unscheinbare Tür zu folgen und bevor sich der Sicherheitsfanatiker “Michel” noch wundern konnte warum sich ein ehemaliger KGB-Agent so gut in der Zentrale des deutschen Nachrichtendienstes auskannte, stand die Gruppe auf dem Parkplatz des als Abtreibungsklinik getarnten Geheimdienstkomplexes.

“Seht!”, Michel deutete mit seinem Finger auf den Himmel an dem seltsame farbige Leuchtstreifen zuckten. “Ein leuchtender Stern”, Kasparow starrte wie gebannt auf den Nachthimmel. “Balthasar, knall dem Russen eine”, zischte Michel, “das sind Spiegelungen von amerikanischer Leuchtspurmonition, es knallt also wieder im Nahen Osten”. Sie blickten sich gegenseitig an und wussten sogleich was zu tun war, Kasparow bestellte ein Taxi zum Flughafen, Michel bleib sitzen und arbeitete schriftlich ein Überwachungskonzept für ihre Mission aus und Balthasar wurde angewiesen die nötigsten Utensilien in 7 Louis Vuitton Schrankkoffern unterzubringen.

Neuneinhalb Minuten später erschien das Taxi und die feine Gesellschaft machte sich auf zum Flughafen während das Gepäck eigentlich mit einem zweiten Fahrzeug hätte transportiert werden müssen um die maximal erlaubte Zuladung einzuhalten. Der Michel hatte zwar noch vorgeschlagen, Balthasar könne den kurzen Weg von 32 Kilometern ruhig einmal zu Fuss gehen, er sei sowieso zu fett und die windhundgleiche Flinkheit ginge ihm schon seit langem ab, aber ein neues Gleichberechtigungsgesetz zwang ihn dazu den Krankenpfleger mit in den Funkmietwagen einsteigen zu lassen.

“Geben Sie Gas!”, herrschte Michel, ein wenig zerknirscht den Fahrer an, “Zum Flughafen!”

“Nun geben Sie doch endlich Gas!”, herrschte “Michel” alias Schäuble den albanischen Taxifahrer wiederholt an, “Wie sieht es eigentlich mit ihrer Aufenthaltserlaubnis aus?”. Die Augen des Fahrers weiteten sich, er trat das Gaspedal bis zum Anschlag in das Bodenblech des alten Mercedes Diesel, keine Antwort verliess seine aufeinander gepressten Lippen, unter denen er die Zähne fletschte. Der Wagen raste mit 120 Kilometern pro Stunde über die Landstrasse in Richtung Flughafen Berlin, Frachtterminal, dichter Nebel.

Die sieben Louis Vuitton Schrankkoffer, die der albanische Taxifahrer nach alter Sitte seiner Heimat, in Form einer Pagode auf dem Dach des alten Mercedes festgezurrt hatte neigten sich in jeder Kurve bedenklich und drohten aufgrund des verlagerten hohen Schwerpunktes das Fahrzeuges umkippen zu lassen. Kasparow der ehemalige KGB Schachweltmeister beobachtete derweil den Himmel über den weiter farbige Lichtblitze zuckten, “Das nicht amerikanisches Feuer, das israelisches Geschosse, aber von amerikanischer Imperialistenarsch verkauft.” Michel sah den Kasparow strafend an, “Es könnte auch vaterländische Munition sein, wir sollten uns da lieber nicht festlegen”. Endlich erreichte das Taxi den Flughafen, es durchfuhr, unkontrolliert, eine Sicherheitskontrolle, ein Zwischenfall den der Bundesgrenzschutz erst nach etwa zwei Stunden bemerkte und nach Rücksprache mit den zuständigen Stellen und drei weiteren Stunden dann zu vertuschen versuchen sollte.

Mit hoher Geschwindigkeit bewegte sich der Wagen auf eine zweistrahlige Verkehrsmaschine mit Kennung der Deutschen Wehrmacht zu, sie hatten ihr erstes Ziel beinahe erreicht.

Das Auto bremste, die Reifen quietschten, Qualm stieg auf, der alte Diesel kam polternd zum Stillstand. “Raus ihr faulen Säcke”, Michel trieb den Russen und den farbigen Krankenpfleger an, “Bewegung, besonders Du, Balthasar, schwing´ die Hufe sonst geht es zurück nach Olobodogo oder wie sich dein jämmerliches Heimatland schimpft”. Balthasar gehorchte, geschwind transportierte er die sieben Schrankkoffer in die Gepäckräume des Flugzeuges, Kasparow nutzte die Gelegenheit einen kleinen Schluck aus seinem “Flachmann” zu nehmen, nur schwer konnte er in Anbetracht der silbernen zweikommafünf Liter Vodkaflasche die Unauffälligkeit wahren.

Ein Beamter des Bundesnachrichtendienstes trat auf die ungewöhnliche Interessensgemeinschaft zu, “Was machen sie da? Wer hat ihnen erlaubt sich einem Flugzeug der Wehrmacht zu nähern? Ich muss ihre Legitimation überprüfen”. Im Bruchteil einer Sekunde blickten sich Michel und Kasparow an, ein beinahe unsichtbares Nicken brachte die Köpfe der beiden in scheinbar unscheinbare Bewegung.

“Erlauben, mein Name Kasparow, Schachweltmeister”.

“Ich erkenne sie genau, sie sind wirklich der ehemalige Schachweltmeister, ich fand ihre Spielweise noch nie besonders inspirierend”, stellte der Beamte erst einmal klar ohne die Begrüssung auch nur im Ansatz zu erwidern. Kasparow zückte unvermittelt ein Reise-Steck-Schachspiel, zog den weissen Bauern von D2 nach D3, setzte das Breite Grinsen eines Spielers auf, der die Abgründe eines unorthodoxen Damengambits kennt und hielt das Reise-Steck-Schachspiel dem Beamten herausfordernd vor die Nase. Der Beamte zögerte, schliesslich hatte er schon gehört, dass diese Russen ein besonders hinterhältiges Schach spielen, wie hinterhältig deutsche Geheimdienstler sein können erfuhr er erst als ein brennender Schmerz zwischen seinen Schulterblättern seine Aufmerksamkeit von dem Reise-Steck-Schachspiel ablenkte.

Michel hatte den vaterländischen Beamten mit seinem allzeit bereiten und stets gespitzten Rotstift niedergestreckt.

Kaum sackte das Opfer zu Boden bemerkte Schäubles Alter Ego “Michel”, “Und genau deshalb brauchen wir mehr Überwachungskameras, hier kann jeder einen guten deutschen Beamten niederstechen und niemand bekommt das auch nur am Rande mit, Balthasar, schaff´ die Leiche in den Frachtraum, wir starten in fünf Minuten”. Bei diesen Worten versuchte Michel ebenso grimmig und weltmännisch zu schauen wie sein grosses Vorbild, der rollstuhlfahrende Anführer der Mutantengruppe X-Men, über die er einen Film auf dem Discovery Channel gesehen hatte, oder war es RTL 2 gewesen, die Unsicherheit liess sein entschlossenes Gesicht entgleisen.

“Beeilt euch, die Lichterscheinungen werden immer intensiver”

Der Taxifahrer, der den Mord an dem deutschen Beamten verfolgt hatte, startete den Diesel und trat erneut heftig auf das Gaspedel, diesmal musste ihn niemand antreiben, auch wartete er weder auf seinen Lohn noch auf ein Trinkgeld, er wollte nur so schnell wie möglich weg von diesen extrem seltsamen und vor allem extrem mordenden Fahrgästen.

Balthasar schloss die Tür des Flugzeuges, Kasaprow stürzte in das Cockpit, setzte sich an das Steuer der Maschine und gab vollen Schub, langsam nahm der silberne Vogel Fahrt auf, dann wurde er immer schneller, hob ab und verschwand schliesslich zwischen den Wolken und Lichtblitzen am nächtlichen berliner Himmel.

“Yussuf, Yussuf, wach´auf, nun wache doch endlich auf”, Marizah schüttelte ihren eben noch schlafenden Ehegatten,”Mach die verdammten Augen auf, Yussuf, oder behalte sie für immer geschlossen”, Marizah verstärkte den Griff um die Möhre, die sie mitlerweile aus ihrem Mund genommen hatte um während ihres weltrekordwürdigen Sprintes in das Schlafzimmer nicht versehentlich an dem Wurzelgemüse zu ersticken. Sie holte aus, die Möhre wie einen stossbereiten Dolch in der Faust haltend, die Morgensonne durchspülte den Raum und zauberte ein Schattenspiel auf die Raufasertapete des Schlafgemaches, ein Schattenspiel das auffallend an eine stilisierte Mordszene aus dem Film “Psycho” erinnerte.

Yussuf schlug die Augen auf, er öffnete den Mund, auf seiner Unterlippe noch eingetrockneter Speichel, den er sogleich mit seiner rechten Hand fortzuwischen versuchte, “Was ist denn los mein Schatz?”.

“Ach Yussuf”, Marizah fiel ihrem Gatten um den Hals, “Es war furchtbar, so unglaublich schlimm, ich kann es gar nicht in Worte fassen”. Yussuf richtete sich im Bett auf, nahm seine Marizah wie ein Kind in seine Arme, streichlte ihr langes schwarzes Palästinenserhaar, erinnerte sich, dass er eigentlich mehr auf Blondinen stand, erinnerte sich, dass er nun verheiratet war, Blondinen keine Rolle mehr spielten und schliesslich erinnerte er sich auch, dass da seine geliebte schwarzhaarige Ehefrau in seinen Armen lag und vor Angst zitterte.

“Was ist denn passiert, Marizah, so rede doch”.

Nun brach es aus der zur Fettleibigkeit neigenden, kleinen Palästinenserin heraus, Tränen rannen über ihre Wangen, klarer, doch zäher Rotz floss aus ihrer Nase. “Chhhhrrr es war grauenvoll, chhhrrrr, üh, üh, Erdbeerjoghurtschokolade, chhhhrrr, üh, üh, üh, Engel, der seinen Namen nicht gesagt hat, chhhhrrr, üh, üh, üh, üh, üh”, Marizah kämpfte sich durch einen Heulkrampf und die schreckliche Erinnerung an das Treffen mit “Kirk”, dem Boten Gottes, der sich nicht vorgestellt hatte, in der nächtlichen Küche. Als sie das Geschehene wiedergegeben hatte, hielt sie, wie zur Bestätigung ihrer Geschichte, dem Yussuf die Möhre vor das Gesicht, dieser streckte die Hand aus, griff nach der Möhre und zerdrückte sie wie einen reifen Pfirsich, niemand durfte seiner Frau etwas antun. Der Palästinenser küsste seine Gattin auf die Stirn, drückte sie noch fester an sich und streichelte ihr erneut über das schwarze Haar, erinnerte sich erneut an seine Vorliebe für Blondinen und fand doch aus dem kurzen, erotischen Tagtraum zurück zu seiner einen wahren Liebe Marizah.

Als sich die Frau, die Gottes Samen in sich trug, dies ihrem Ehemann jedoch verschwieg weil dieser zu cholerischen Anfällen neigte schon wenn ein Fremder seine Gattin lüstern ansah, ein sexuelles Abenteuer hätte ihn sicher zum Bombengürtel greifen lassen, endlich beruhigt hatte, machte sich das junge Paar auf in die Küche, dem Schauplatz der Begegnung mit dem Engel. Marizah bereitete das Frühstück, Tee mit Milch und Zucker, in der Pfanne, mit Butter geschwenktes, entrindetes Toastbrot und Spiegeleier, sunny side up, mit Putenspeck. Das liebevoll bereitete Morgenmahl milderte Yussufs Erregung über den Überfall des Boten Gottes bis in den Gedanken hinein, dass sich seine kleine, schwarzhaarige Frau das Ganze nur eingebildet, oder sie nur einen besonders schlimmen Alptraum gehabt hatte.

“Noch etwas Tee, mein Geliebter”, Marizah bewegte sich mit der Teekanne auf Yussuf zu, der sein Frühstück sichtlich genoss.

Der junge Palästinenser verlor sich in dem Universum von Ei, Speck und Toast, er entmaterialisierte in einer kleinen Butterlarche, die von einer in dreiecksform geschnittenen und entrindeten Brotscheibe getropft war. Seine Sinne taumelten durch das schwarze Loch eines perfekt gesüssten und ausserordentlich ordentlich gemilchten Tees, die kulinarische Seele des Mannes stieg auf zu den cremigen Dottern der Spiegeleier und wurde dann doch sanft aber entschieden von dem knusprigen Putenspeck zurück auf den Teller der zartsalzigen Tatsachen geholt.

“Du trägst den Sohn des einen Gottes, den es eventuell wirklich gibt, in dir”, Yussufs Augen füllten sich mit Tränen als er seiner geliebten Ehefrau in das Gesicht blickte.

“Ladies and gentlemen, attention please, five minutes before landing in Ben Gurion Airport, no kiss-kiss, no mizmiz and no business allowed, sukran”, Balthasars Augen bewegten sich aufgeregt in ihren Höhlen von einer Seite zur anderen. Warum sagte er das? Er wusste es nicht, plötzlich war etwas in ihn gefahren, der etwas dickliche farbige Krankenpfleger von Michel wusste es einfach nicht besser, er hatte diese seltsamen Worte sprechen müssen beinahe als hätte ein Fremder den Wind durch die Segel seiner Stimmbänder gehaucht. Was er jedoch mit Sicherheit wusste war, dass ihn zeitnah ein Hieb des deutschen, rollstuhlfahrenden Geheimdienstchefs treffen würde, instinktiv zog er die Schultern nach oben, da traf ihn schon der Schlag des vaterländischen Überwachers und Anführers der kleinen Interessensgemeinschaft. “Balthasar, jetzt reicht es aber bald, benimm dich doch wenigstens einmal wie ein zivilisierter Mensch, dies ist ein Flugzeug der deutschen Wehrmacht über dem Heiligen Land und keine negroide Propellermaschine über Schwarzafrika!”

“Skchrrrrr, schwul oder was?”, rauschte es durch das bordeigene Kommunikationssystem.

Es war Kasparow der ehemalige KGB Schachweltmeister und dritter Mann im Bunde. “Skchrrrrr, wir landen, ihr anschnallen, skchrrr”, fügte er noch hinzu, gab seinen Kameraden im Passagierraum jedoch keine Zeit um auf die Ankündigung zu reagieren. Das Fluggerät beschrieb eine recht steil nach unten gerichtete Rechtskurve, so steil, dass die Physik eines unvorhergesehenen Parabelfluges Michels gesammelte Geheimdossiers über ihr Vorhaben durch den Innenraum des Flugzeuges wirbelte. Als die arglistig getäuschte Schwerkraft in die Düsenmaschine zurückkehrte, drehte Michel seinen Kopf zur linken Seite, wo Baltahsar sass, seine Hände in die Armlehne seines Sitzes krallte und die Augen zusammenkniff. Michel lächelte in sich hinein, so lange diese Naturvölker noch nicht an moderne Technik gewöhnt waren würde keine ernsthafte Gefahr für das Vaterland von ihnen ausgehen. “Könnte der Herr Balthasar nun bitte seinen Aufgaben nach kommen und die Unterlagen einsammeln, ich kann das nicht, ich sitze schliesslich im Rollstuhl und darüber hinaus bin ich dein Boss”, flötete Michel mit hoch ironischem Unterton, zumindest bis zu dem Punkt an dem er seine Behinderung erwähnte, beim Wort “Boss” hob sich seine Stimmung jedoch gleich wieder.

Das Flugzeug der deutschen Wehrmacht setzte auf der Landebahn 2 des israelischen Flughafens auf und keine dreieinhalb Minuten später hatte es seine Parkposition erreicht. Balthasar, der inzwischen die Unterlagen seines Chefs eingesammelt und alphabetisch geordnet hatte, besonders das Ordnen ging dem Krankenpfleger sehr leicht von der Hand, öffnete er die Aussentüre des Vogels, sprang kurzerhand die sechskommazwei Meter bis zum Asphalt der Rollbahn hinunter und kehrte mit einer auf einem Flachfahrzeug montierten, treppenförmigen Aussteighilfe zurück. Er hetzte die Treppe hinauf, transportierte Michel zusammen mit seinem Rollstuhl auf den Boden des Heiligen Landes, entlud die sieben Luis Vuitton Schrankkoffer und vergaß nicht den toten Körper des deutschen Beamten zu vergessen, Balthasar hatte nur wenig Interesse daran sich auch noch um eine mitlerweile recht gründlich ausgeblutete Leiche zu kümmern. Schliesslich trat Kasparow ins Freie, sein Hemd und sein Schritt zeigten die typischen Anzeichen für einen Fluss von Erbrochenem, welcher nur amateurhaft mit Einwegpapiertaschentüchern trockengelegt wurde und gleich antiken Wasseradern auf dem Mars nur schwer zu verleumden gewesen wären. Die zweikommafünf Liter Vodkaflasche, die Karparow mit silbernem Farbspray aus dem Bastelbedarf besprüht hatte und die ihm nun als “Flachmann” diente, hatte erneut ihren Dienst getan.

“Ich brauch trinken”, sagte der Russe kurz angebunden und rauschte an Michel und Balthasar vorbei in Richtung Flughafen-Lounge.

“Hinterher”, zischte Michel und Balthasar schob den Rollstuhl des deutschen Geheimdienstlers hinter dem russischen Ex-KGB-Agent, der ein beachtliches Tempo vorlegte, her. Nach nur einskommadrei Minuten erreichten sie die koshere Bar des Ben Gurion International Airport. Beinahe leer lag dieser für Kasparow heilige Trinktempel vor ihnen, der Russe näherte sich dem Tresen an dem der einzige andere Gast in Alkohol und sich selbst versunken sass. “Gott hat mich verlassen, nein er hat mich verstossen, Gott ist ein Arschloch”, grummelte die schmuddelig und heruntergekommen aussehende Person vor sich hin, “Gott ist ein dreckiges Arschloch, ich habe ihn doch geliebt, er hat mich verstossen”. Nun kamen auch Michel und Balthasar nahe genug an den Getränkeausschank heran um das Klagen des Mannes zu vernehmen, der eben einen weiteren Weinbrand heruntergekippt hatte. Balthasar ging auf den Mann zu, legte seine rechte Hand auf die Schulter des Unglücklichen und sagte,”Hey was ist denn los, warum haderst du so sehr mit dem einen Gott, den es vielleicht wirklich gibt?”

Ohne sich vorzustellen antwortete der alkoholisierte Fremde, “Gott ist ein Arschloch, nein, der Vater aller Arschlöcher und das alles nur wegen einer Möhre.”

Es handelte sich, wie unschwer zu erkennen, aber für die Drei unmöglich zu erraten war, um “Kirk”, den Boten Gottes, der Marizah im Gazastreifen besucht hatte und in ihr den Samen des einen Gottes, den es wirklich geben könnte, pflanzte.

“Ich bin jetzt ganz allein, was nützen mir gottgegebene Zauberkräfte wenn ich die Liebe des Einen verloren habe?”

“Liebe wird überschätzt, Sicherheit und Kameraüberwachung dagegen werden unterschätzt, gar von Staatsfeinden der Lächerlichkeit preisgegeben”, Michel schaltete sich nun in das Gespräch ein, “Mich hat Gott schon lange verlassen, komm ich geb´ einen aus”.

“Noch eine Runde, Barmann”, Michel ging wieder einmal seiner Lieblingsbeschäftigung nach, Anweisungen geben, und in einer Schänke, kosher oder nicht, liess es sich herrlich dieser herrischen Veranlagung nachkommen, vor allem weil der deutsche Steuerzahler die Zeche zahlte. Der neumodische Mundschenk brachte sofort die Getränke, zwei Weinbrand, für “Kirk” und Michel, einen neunzehnfachen Vodka für Kasparow und eine Cola Light für Balthasar. Michel hatte den Krankenpfleger aus Afrika auf Diät gesetzt, denn dieser entsprach so gar nicht der Schönheitsnorm des deutschen Geheimdienstchefs. Natürlich hätte der rollstuhlfahrende Anführer der Expedition lieber auch die Hautfarbe des Kongolesen in einen für vaterländische Augen angenehmeren Farbton verwandelt, wie zum Beispiel grau, rosa oder vielleicht noch ein kunstfrittiertes Dunkelbeige, doch das Geheimnis der Hautaufhellung war seit einigen professionell vertuschten Vorfällen um einen amerikanischen Popstar Verschlusssache der CIA und da waren Michel alias Schäuble nun einmal die Hände gebundener als die Beine gelähmt.

“Nun erzählen sie ihre Geschichte nocheinmal, sie sie besitzen, ich zitiere, gottgegebene Zauberkräfte und geben gar vor, den einen Gott, den es vielleicht wirklich gibt, persönlich zu kennen, oder genauer ausgedrückt gekannt zu haben, da sie dieser aufgrund eines Zwischenfalls mit einer Möhre verstossen hat.”

“Das ist korrekt”, Kirk, der Bote des einen Gottes, den es wirklich geben könnte, sich allerdings noch nicht den drei seltsamen Gefährten vorgestellt hatte, nickte mit der trunkenen Heftigkeit eines Wackeldackels auf der Hutablage eines Opels, “Ich hatte von dem einen Gott, von dem ich weiss, dass es ihn wirklich gibt, den Auftrag erhalten seinen Samen in eine junge Frau zu pflanzen um so mehr als zweitausend Jahre nach einem missglückten ersten Versuch, der Menschheit eine neue Chance auf Frieden und Freiheit zu bieten in dem er, der eine Gott, sein eigenes Fleisch und Blut der Erde der Menschen zum Geschenk macht.” Kirk griff nach seinem Glass, hielt kurz inne, atmete tief ein und aus, setzte das Glas stumm an die Lippen und trank den siebenundzwanzigsten Weinbrand an diesem Vormittag. “Ich ging also zu dem Haus der Frau, setzte mich in die Küche und sorgte dafür, dass der palästinensische Ehemann der zukünftigen Mutter von Gottes Sohn in einen tiefen Schlaf fiel”, berichtete Kirk und starrte dabei auf einen imaginären Punkt in der Leere seines Weinbrandschwenkers. “Wie betäubten sie den Islamisten?”, fragte Michel mit der Miene eines echten Kenners der Materie, “KO-Tropfen? GHB? Sonstige Drogen?”

“Zauberei”, erwiderte Kirk sichtlich angeekelt von der Vorstellung einen Menschen mit solch barbarischen Substanzen und Methoden ruhigzustellen.

Michel winkte den Barkeeper heran und signalisierte er solle noch eine Runde servieren, schliesslich wollte der Geheimdienstler die Geschichte des offensichtlich verwirrten Obdachlosen nun zumindest bis zum Ende anhören, da er immer noch nicht wusste was sie da eigentlich im Heiligen Land genau trieben, er also nichts besseres zu tun hatte, bot es sich doch schliesslich an sich ein wenig auf Kosten eines plappernden Dorfdeppen zu amüsieren. Der Barmann brachte die neue Runde, Michel prostete Kirk ermutigend zu, er sollte seinen Bericht fortsetzen, “Und wie ging es dann weiter werter Herr Engel?” Kirk ignorierte den Unterton des deutschen Geheimdienstlers und führte seine Ausführungen fort, “Der Mann schlief also tief und fest, ich setzte mich in die Küche und erfüllte die Frau mit innerer Unruhe, bevor sie jetzt wieder fragen, ja, auch dabei war mir die Magie, die mich der eine Gott gelert hatte, zu diensten. Die junge Palästinenserin kam also in die Küche, ihr Geist erfüllt von Gier nach Erdbeerjoghurtschokolade…”

“Warum eigentlich Palästinenser?”, Michel unterbrach den Engel.

“Wie meinen…?”, Kirk war sichtlich verwirrt und verärgert über die neuerliche Unterbrechung durch den Deutschen.

“Ich meine, warum hat sie Gott zu einer palästinensischen Familie geschickt? Warum sollte eine Palästinenserin Mutter von Gottes Sohn werden? Warum hat Gott, wenn es ihn wirklich gibt, eine Islamistin gewählt und nicht, beispielsweise, eine gute, deutsche Frau, blond und gut gewachsen? Schliesslich ist das doch unser Gott und nicht deren Gott, und überhaupt, beim ersten Versuch hat es doch auch schon aufgrund der politischen Verhältnisse in der Region nicht mit der Glückseeligkeit geklappt.”

“Für gewöhnlich hinterfrage ich die Befehle Gottes nicht”, entgegnete Kirk erstaunt über soviel Misstrauen seinem ehemaligen Herrn gegenüber.

“Wunderbar”, Michel war hoch zufrieden mit dieser Antwort,”Hast du gehört, Balthasar, im Himmel werden Befehle noch ausgeführt, ohne Wenn und Aber, der Chef gibt eine Anweisung und die Untergebenen führen diese aus ohne auch nur im entferntesten mit der moralischen oder sonst einer Wimper zu zucken.” Und weil Balthasar nicht sogleich mit einer verbalen Unterwerfungsfloskel seine Unterstützung für den Standpunkt seines Chefs kundtat, begann Michel den farbigen Krankenpfleger mit Erdnüssen aus der Schale, welche auf der Bar stand und immer wieder vom Barkeeper gefüllt wurde, zu bewerfen. Eine Erdnuss, geröstet und gesalzen, traf den dicklichen Kongolesen an der linken Wange, reflexartig riss er das Gesicht herum in Richtung von Michel, eine Erdnuss traf ihn in das rechte Auge, das Salz liess es sogleich brennen wie flammenloses Feuer. “Aua”, sagte Balthasar und führte seine Hand zum Auge um es durch zusätzliches Reiben noch weiter in eine grenzwertige Rötung zu treiben. “Warte!”, Kirk hatte blitzschnell das Handgelenk des Afrikaners gepackt, beschrieb mit seiner freien Hand einen Halbkreis vor dem Gesicht des verblüften Krankenpflegers und schon war der brennende Schmerz in Balthasars Auge verschwunden.

“Unterlassen sie diese Angriffe auf ihren Pfleger in Zukunft”, brummte der betrunkene Engel in Richtung Schäuble.

“Der hat doch nicht einmal einen richtigen deutschen Pass, nur eine Aufenthaltserlaubnis, ich meine, das beinahe gar kein richtiger Mensch”, versuchte sich Michel, dem die Position des aufgrund seiner Handlungen Angegriffenen gar nicht behagte, zu rechtfertigen, “nur geduldet, verstehen sie? Keine wirklichen Bürgerrechte, aber das macht dem Balthasar auch gar nichts aus, er kennt es ja nicht anders und bei mir hat er wenigstens ein Dach über dem Kopf und bekommt etwas zu essen und sie sehen ja wie gut es ihm geht”. Michel drückte mit dem Zeigefinger auf den wohlgenährten Bauch seines Krankenpflegers, Balthasar blickte beschämt zu Boden, er mochte es nicht wenn sein Boss ihn aufgrund seiner Dicklichkeit verspottete.

“Soll ich nicht lieber die Geschichte über meinen Besuch im Gazastreifen weitererzählen?”, fragte Kirk um den, dem Spott ausgesetzten Pfleger aus der peinlichen Situation herauszuretten.

“Ja, weiter, weiter”, Kasparow meldet sich nun zu Wort. Der Russe hatte sich auch an der Bar weiter volllaufen lassen und auch weiter über seine Kleidung erbrochen. Kasparow wischte sich die gelbliche Kotze mit dem linken Ärmel von den Lippen, “Erzählen Geschichte weiter”. Michel blickte den ehemaligen Schachweltmeister angewidert an, er war immer wieder überrascht wie sehr er andere Menschen verachten konnte, der Russe hätte momentan am Boden liegen können und brennen, er hätte nicht einmal auf ihn gepisst.

“Nun erzählen sie schon weiter”

“Gut, dann führe ich meinen Bericht über die Vorgänge im Haus von Yussuf und Marizah fort, also, die junge Palästinenserin kam in die Küche, erfüllt von einer ausserordentlichen Gier nach Erdbeerjoghurtschokolade. Dann folgte das übliche Mensch-trifft-Engel Gehampel und…”

“Das übliche Mensch-trifft-Engel Gehampel?”, diesmal war es Balthasar der Kirk ins Wort fiel.

Der Engel lächelte milde, er schien für den Kongolesen mehr Sympathie und Nachsicht aufbringen zu können als für den steifen, deutschen Geheimdienstchef der den Decknamen Michel trug. “Dieses Gehampel eben”, Kirk vollführte eine abwertende Bewegung mit der rechten Hand, “von wegen, huch jetzt bin ich aber überrascht, da bete ich sieben mal am Tag und dann erdreistet sich Gott doch tatsächlich, völlig genervt von soviel Mitteilungswut und damit er endlich wieder Ruhe findet, einen Engel zu mir zu schicken”. Der Bote Gottes spitzte bei den Worten die Lippen und sprach sie mit hohem Stimmchen, was wohl seiner Meinung nach die Klangfarbe der Stimme eines Sterblichen vortrefflich karikierte.

“Ich leiere dann den ganzen Kram von wegen fürchte dich nicht und so weiter herunter, eigentlich bringe ich meistens nur das fürchte-dich-nicht Ding und komme dann gleich zur Sache, so auch in dieser Nacht”.

“Ich sitze also in der Küche, Marizah kommt herein, sie will Schokolade essen, daran war ich nicht ganz unschuldig, schliesslich hatte ich sie mit einer Unruhe erfüllt die sie quasi dazu zwang ihr Gemüt mit Kohlenhydraten und Fett zu kühlen. Mich packte ein wenig das schlechte Gewissen, da die schwarzhaarige Frau schon von Natur aus zur Fettleibigkeit neigte, ihr Ehemann von Natur aus auf Blondinen stand und ich durch das unheilvolle Zusammenspiel von falscher Haarfarbe und Übergewicht nicht die Beziehung der beiden gefährden wollte.” Balthasar blickte erneut verschämt zu Boden, wieder ging es um das Thema Körpergewicht, ein Thema welches er stets auf sich selbst bezog, denn er war trotz seiner leichten Dicklichkeit extrem dünnhäutig wenn es um das Volumen der Luftverdrängung des eigenen Leibes ging. “Eh, Balthasssssarrr”, Karsparow meldete sich mit zischendem S und rollendem R zurück, “Denken, Mann ohne Bauch sein Krüppel und gut Werkzeug immer hängt unter Vordach”.

Wortlos trank der Krankenpfleger einen grossen Schluck Diätcola.

“Jedenfalls”, Kirk, der Bote des einen Gottes, den es, nach seinen eigenen Angaben, wirklich gibt, liess sich nicht weiter von den chauvinistischen Phrasenphantasien des betrunkenen Russen, der sich eben schon wieder mit dem eigenen Erbrochenem besudelt hatte, von seinem Bericht ablenken, “versuchte ich mit Marizah, aus den genannten Gründen, ein Gespräch über eine gesunde, fettarme Ernährung zu beginnen, was jedoch nicht fruchtete, sie bestand darauf diese unsägliche Erdbeerjoghurtschokolade zu verspeisen, ich brachte mich daher in eine Position zwischen der Palästinenserin und dem Kühlschrank, denn dort bewahrte sie die Schokolade auf. Ich materialiserte eine Möhre in meiner linken Hand und versuchte erneut die Frau davon zu überzeugen, nun diese Ackerfrucht zu essen und nicht die Schokolade. Alle Vorzüge des Gemüses zeigte ich ihr auf, ich malte ein schillerndes Bild der vielfachen und breitgefächerten Verwendungsmöglichkeiten der Karotte, doch diese Marizah wollte nicht auf mich hören.”

“Warum nur hat der eine Gott den Menschen bloss den freien Willen geschenkt? Nicht das diese undankbaren Menschen in den richtigen Situationen gebrauch von ihm machen würden, sie verschenken ihren freien Willen weiter, wie ein unliebsames Geschenk welches zunächst eine kleine Ewigkeit das Dasein eines Aussätzigen fristet um dann an einen noch unliebsameren Freund weitergeschenkt zu werden.”

“Die junge Marizah kam also auf mich zu, mittlerweile von blankem Zorn erfüllt, auf mich, einen Boten Gottes, unvermittelt schnellte ihre geballte rechte Faust nach vorn und traf mich relativ fest an meiner linken Wange. Reflexartig stiess ich sie fort, sie machte einen Schritt nach hinten, stolperte und stürzte zu Boden. Sofort eilte ich zu der jungen Palästinenserin, nahm sie in meine Arme, hob sie auf und legte sie auf den Küchentisch, sie atmete flach aber regelmässig. Ich beschloss die Gunst der Stunde zu nutzen und den Samen des einen Gottes in sie zu pflanzen so lange sie noch bewusstlos war und kümmerte mich dann darum sie wieder in die Welt der Wachen zurückzuholen. Dann schlug Marizah plötzlich die Augen auf, richtete ihren Oberkörper von dem Tisch auf, schaute sich um, öffnete den Mund und begann mit der Schussfrequenz einer Kalaschnikow Worte absolut unterster Kategorie gegen meine Person zu feuern. Immer wieder wollte sie wissen, was mir einfalle ihr Haus zu betreten und vor allem ihre Küche derart zu verwüsten, ich solle gefälligst den Saustall wieder aufräumen und zeitnah auch verschwinden.”

“Einbruch, Vandalismus, Körperverletzung und Vergewaltigung”, lallte der zwischenzeitlich hochkarätig besoffene Michel, “mit einer anständigen Kameraüberwachung wäre das sicher nicht passiert. Ehrenwort!”

Der Engel blickte den deutschen Geheimdienstchef erneut strafend an, während sich Kasparow wieder erbrach und nach Atem rang weil Bröckchen seines Frühstücks-Borscht in seine Luftröhre geraten waren und Balthasar die Zitrone aus seinem Colaglass zu fischen versuchte. “Auf alle Fälle”, Kirk wollte die Geschichte nur noch so schnell wie möglich zu Ende erzählen, “konnte ich mich nicht mehr beherrschen ob dieses zeternden Weibes und rammte ihr die Möhre in den Schlund so das sie nur Ruhe gebe und nicht noch die ganze Nachbarschaft mit ihrem Geschrei weckte. Marizah schlug darauf hin mit dem Hinterkopf auf die Tischplatte, verabschiedete sich noch einmal in die Welt der Schlafenden und ich nutzte die Gelegenheit unbemerkt das Haus des Palästinenserpaares zu verlassen. Der eine Gott hatte jedoch meinen unrühmlichen Auftritt und auch den Gewaltausbruch beobachtet, dass mich diese Furie in die Aggression getrieben hatte, liess er nicht gelten, der feine Herr Gott der Sanftmut hatte Sorgen um seinen Ruf, er schickte mich fort und nun sitze ich hier und ertränke meinen Sorgen in Weinbrand.”

“Nette Geschichte”, Michel hatte trotz seines erhöhten Alkoholpegels noch immer nicht das Misstrauen diesem seltsamen Kirk gegenüber abgelegt, schliesslich hatte sich der angebliche Bote Gottes weder ihm noch seinen Begleitern vorgestellt, “aber ich brauche Beweise, am besten Filmmaterial”

„Beweise?“, Kirk lachte abgrundtief in sich hinein, „Ihr seid hier wegen den Lichterscheinungen über Berlin, die ihr Sterblichen fälschlicherweise für die Spiegelung von Leuchtspurmunition hieltet und für angebliche Ungläubige wie euch Grund genug waren, ein Flugzeug zu stehlen und sogar einen guten vaterländischen Beamten zu töten, die hinterhältige Benutzung eines Reise-Steck-Schachspiels lasse ich dabei freundlicherweise gleich einmal aussen vor. Nur so viel dazu, die Spielweise von Kasparow ist in der tat nicht sonderlich inspirierend“

Balthasar, der es zwischenzeitlich geschafft hatte die halbierte Zitronenscheibe in Form eines Halbmondes aus seinem Colaglass zu angeln und nun an ihr aufgeregt knabberte und Kasparow, der mittlerweile eine fransige Krawatte und einen gesprenkelten Ledenschurz aus angetrockneter Kotze trug, blickten sich unvermittelt in die Augen. Dieser Fremde, der sich nicht einmal die Zeit genommen hatte sich korrekt vorzustellen und ihnen eine unglaubliche Geschichte über den einen Gott, den es scheinbar tatsächlich geben konnte, so freimütig erzählt hatte, wusste anscheinend genau um was es hier, wobei der Terminus „hier“ in diesem Zusammenhang eine nähere Definition verlangte, nun wirklich ging. Schlagartig stieg eine trunkene Nüchternheit in Kasparow auf, er blickte an sich hinunter, er sah das angetrocknet Erbrochene und die kleinen cornflakeartigen Stücke von eben diesem die sich bei jeder Bewegung von seinen kotzeteilbeschichteten Kleidern lösten und zu Boden taumelten.

„Ich gehen frischmachen“, Kasparow erhob sich von dem Barhocker, „Balthasar, wo sein Luis Wittong Kofferen?“

Balthasar nickte, blickte seinen Chef, den deutschen Geheimdienstchef „Michel“ an und als dieser durch sein Nichtbeachten des Krankenpflegers bewegungslos die Vorgänge abgenickt hatte, machte sich der Pfleger auf den Weg zurück zum Rollfeld, wo die Koffer immer noch vor der Maschine der deutschen Wehrmacht standen. Kasparow bewegte sich auf den Sanitärbereich der kosheren Bar zu und rief Michel zu, er solle Baltharsar mit den sauberen Kleidungsstücken veranlassen ihm zu folgen sobald er, hoffentlich schnellstens, mit den sieben Louis Vuitton Schrankkoffern in der Lounge angekommen war. Kaum waren seine Begleiter ausser Sicht, wandte sich Michel an den Engel, „Das, mag bei dem Neger und dem russischen Alkoholiker reichen um sich als Bote Gottes auszugeben, für mich jedoch waren ihre Einlassungen nicht überzeugend genug. Erklären sie mir wie es nun zu den, unstreitig reellen, optischen Phänomenen am Himmel kommt und vor allem wer dafür verantwortlich ist und, was eigentlich die wichtigste Frage darstellt, was es zu bedeuten hat.“

„Gott, Gott und Gott und genau in der Reihenfolge“, antwortete Kirk keine Zehntelsekunde nachdem Michel seine Forderung nach genauen Angaben formuliert hatte.

Michel leerte seinen Weinbrandschwenker, er stellte das Glas auf dem Tresen ab, gleich neben dem runden, aus Papierserviettenmaterial gefertigten Einweguntersetzern. Als hätte sich ein Riss im Raumzeit-Kontinuum geöffnet trat der Barkeeper, aus dem scheinbaren Nichts, an die Theke, nahm das leere, falsch positionierte Trinkgefäss in die eine Hand und entfernte mit der anderen, unter Zuhilfenahme eines fusselfreien Wischtuches, den feuchten Kranz den der gläserne Kelch des Brandweines auf der Oberfläche des dunkelbraunen Holzmöbels hinterlassen hatte. „Gott, sie wollen jemandem wie mir ernsthaft verkaufen es sei Gott, der dieses Schauspiel zu Verantworten hat, Kasparow, der Neger und ich seien auf irgendeinem esoterischen Kreuzzug, vielleicht sind wir ja sogar die heiligen drei Könige des Internetzeitalters, geladen zum Krippenspiel um dem neuen Palästinenserjesus Gold, Weihrauch und Myrrhe zu verehren, oder wohl eher, in Anbetracht der modernen Zeiten, einen iPod und eine Softairwaffe.“

„Nein, ihr seid die Esel“, entgegnete Kirk mit starrer Miene.

Der rollstuhlsitzende Geheimdienstchef riss die Augen auf und blickte den Boten Gottes verwirrt und vor allem überrascht an. „Das war nur ein Scherz, natürlich seid ihr die Laiendarsteller, die die Rollen der drei Weisen übernehmen sollen“, die Worte quollen dick und monoton aus Kirks Mund, er trank sein Glas ein weiteres mal aus, „Ich hasse Menschen, ich teile ihren Humor nicht, ich hasse ihre Ignoranz“. Der Engel hob die linke Hand und wies den Barmann, welcher sich wieder in sein eigenes Raumzeit-Kontinuum zurückgezogen hatte, allein durch diese Geste die Gläser der Anwesenden und auch der Verhinderten, Kasparow und Balthasar, wieder zu füllen. „Aber eure Rolle in diesem göttlichen Spiel ist weniger euer Problem…“, fügte Kirk noch hinzu als der Barkeeper ein neues Glas mit Weinbrand auf einen frischen Einweguntersetzer vor ihm abstellte und beinahe zeitgleich Balthasar mit den sieben Louis Vuitton Schrankkoffern, die er auf gleich zwei Gepäckrollwagen verteilt hatte zurück in die Lounge kam und Kasparow aus dem Off der halböffentlichen Toilette nach frischen Anziehsachen rief. Der farbige Krankenpfleger verschwand mit einem Kleidersack in Richtung der Bedürfnisörtlichkeit und Michel richtete erneut sein Wort an Kirk zu richten, „Was ist denn dann unser so genanntes Problem?“

„Die Zeit“

„Die Zeit ist euer Problem, ganz schön enttäuschend und lausig scharfsinnig Herr Geheimdienstchef, Marizah die Mutter von Gottes Sohn empfing das Kind letzte Nacht und ihr fragt euch was euer Problem sein soll, Menschen, Gottes Lieblinge, dumme einfältige Geschöpfe, sogar wenn man untenrum ein wenig gefühlskalt ist, wie du Michel, so sollte sogar dir klar sein, dass Empfängnis und Geburt in der Regel gute neun Monate auseinander liegen, ihr seid also in etwa besagte neuen Monate zu früh im heiligen Land eingetroffen.“

Michel hatte verstanden, Gottes Plan hatte die Existenz von moderner Luftfahrttechnologie kühn ausser Acht gelassen, mit einer Karawane hätten sie sicher ungefähr besagte neun Monate benötigt um den Staat Israel zu erreichen. Was für den Geheimdienstler jedoch viel schwerer wog war die Einsicht, dass es tatsächlich einen Gott geben musste, jemand hatte die Schuld an der miserablen Terminabstimmung zu tragen, diese Person, oder Kraft, war Gott, so einfach stellte sich das Ganze dar, zumindest wenn Kirk, der sich den Sterblichen noch nicht mit Namen vorgestellt hatte, der war, für den er sich ausgab, ein wirklicher Bote Gottes.

Gut gelaunt traten Balthasar und Kasparow zurück in die Räumlichkeit und machten sich ohne weiter Zeit zu verschwenden über ihre bereitstehenden Getränke her.

“Glückwunsch, Balthasar, ab heute darfst du bei den Mahlzeiten die Vorderfüsse in den Trog stellen, merkst du denn gar nichts? Kommst mit dem feinen Herrn Kasparow aus dem Klo, ihr gackert wie die Hühner, setzt euch, trinkt, sagt nichts was für unser Unternehmen von Bedeutung sein könnte während ich hier mit einem selbsternannten Engel, dessen Namen ich nicht weiss, weil er sich bis jetzt nicht vorgestellt hat, diskutieren muss, ich meine, das ist eine koshere Gaststätte und keine Schwulenbar”, Michel hasste es wenn sich Menschen in seinem Umfeld amüsierten, vielleicht weil er von Kindesbeinen an immer aussen vor bleiben musste, schon im Kindergarten war er oft verprügelt und gehänselt worden, er war ein Sonderling den die anderen Heranwachsenden mieden und gleichzeitig für so abstossend hielten, dass sie davon ausgingen eine tägliche Tracht Prügel sei absolut angemessen um mit dem jungen Michel zu interagieren. Der deutsche Geheimdienstmann ärgerte sich sehr über den unglaublich miserabel koordinierten Geburtstermin des Sohn Gottes und vor allem über sich selbst, er, der Skeptiker und erklärte Faktenbeschaffer war allein aufgrund von einem Gefühl, einem Gefühl und ein paar Lichterscheinungen mit zwei offensichtlichen Dummköpfen in das Heilige Land gereist. Schlagartig fiel ihm der Beamte ein den er am Flughafen in Berlin mit seinem Rotstift erstochen hatte, Michel erschauderte, er hatte den Weg zu dem Sohn Gottes mit einem heimtückischen Mord begonnen, wie sollte dieses Abenteuer also enden ausser in einer Katastrophe. Wenn sie wirklich den neuen Jesus finden sollten würde dieser tief in Michels Seele blicken, das Kind würde erkennen wie verletzlich er, der starke Geheimdienstler, letztendlich sei, ein gebrochener Mann, der die Hoffnung verloren hatte. Michel rieb sich die Augen mit der linken Hand und knetete eindringlich die Haut zwischen Stirn und Nasenansatz mit Daumen und Zeigefinger, er hatte keine Zeit für Selbstmitleid, die Frage der Zeit, wie sollten sie die neun Monate überbrücken die sie zu früh in Israel eingetroffen waren.

“Orangen pflücken im Ashram” Kirk grinste den Rollstuhlfahrer vom BND schelmisch an und dieser zog sogleich ein ertappt-genervtes Gesicht, Michel hasste es wenn jemand seine Gedanken las, nicht das dies jemals zuvor geschehen wäre, er hasste es schon bei diesem ersten Mal und das obwohl er immer von der Möglichkeit geträumt hatte seine Geheimdiensttätigkeit mit der Kontrolle von den Gedanken potentieller Terroristen zu perfektionieren. “…aber sie haben Recht”, Kirk senkte die Stimme bei diesem Halbsatz und blickte Michel ernst in das Gesicht, “Gott hat sie in der Tat verlassen”. Die Worte des Engels trafen den deutschen Nachrichtendienstler wie ein Vorschlaghammer eine Heftzwecke, seine verlorene Seele erschauderte, wäre er nicht durch ein Attentat an den Rollstuhl gefesselt und hätte er auf seinen Füssen vor dem Boten Gottes gestanden, die Knie wären ihm weich geworden. Phantomschmerzgleich erfuhr er dieses Gefühl von Schwäche, er verkrampfte sich krampfhaft an den Lehnen seines Gefährtes.

“Was soll ich denn jetzt tun?”, der Deutsche ergab sich in die Passivität, zum ersten Mal, seine Begleiter trauten ihren Augen und Ohren nicht, “Was soll ich denn jetzt tun?”. Michel wiederholte die Frage, in seinem Kopf explodierte sie, wurde von den, wie er nun erkannte, zu engen Grenzen seiner Vorstellungskraft zurückgeworfen und scheinbar millionenfach verstärkt, ein grauenvoller Lärm von Ungewissheit und Einsamkeit entfachte einen Schmerzbrand im verwachsenen Synapsenwald des zweifelnden Geheimdienstchefs.

“Bist du allein?”, frage Kirk, der Engel, der sich noch immer keinem der Anwesenden vorgestellt hatte.

“Ja ich bin allein”

Kirk schaute Michel fragend an, dann richtete er seinen Blick auf Kasparow und Balthasar, die mit weit geöffneten Mündern und Augen das Gespräch mitverfolgt hatten. Kasparow, mittlerweile in frische Kleidung gewandet, nachdem er sich im Waschraum der kosheren Lounge gewaschen hatte und ihn der Krankenpfleger Balthasar mit einem sauberen Hemd und einer Austauschhose versorgt hatte, fand recht schnell wieder die Fassung, “Michel nicht allein”.

“Halt doch einmal die dumme Fresse oder lerne zumindest ein gebrochenes Sudetendeutsch, du nach Kotze stinkender und versoffenener Drecksrusse”, die Worte, die der Geheimdienstmann zu einer äusserst beleidigenden Beleidigung formulierte, tanzten verspielt über seine Zunge. Michel alias Schäuble fühlte sich grossartig, die ganze Spannung fiel von ihm ab, vergessen war der Mord an dem Beamten bei ihrer Abreise, vergessen die beschissene Terminabsprache die dafür sorgte, dass er neun Monate zu früh in Israel eingetroffen war und auch die Selbstzweifel, die ihn seit dem Beginn des Abenteuers vor wenigen Stunden heimgesucht hatten waren nun vergessen. Er fühlte sich lebendig, die Beschimpfung liess für den Bruchteil einer Sekunde neue Nerven in seinem Rückgrad wachsen, er lief nackt und frei man Strand der persönlichen Angriffe und der Schmähkritik. “Weisst du was ich dir auch schon immer einmal sagen wollte”, rhetorische Frage, Michel gab die Antwort sogleich selbst, ” Du bist ein ekelhaftes Stück Scheisse, du gehst mir dermassen auf den Sack, deine Art Schach zu spielen ist nicht nur nicht inspirierend sondern auch langweilig und einfach dumm, aber der Herr Arschrusse kommt sich vor wie Graf Koks von der Rennbahn, halt dein verficktes Scheissmaul ein für alle Mal!”. Die verbalen Ausfälle sprudelten aus seinem Mund, er ergoss sich in Lebensfreude über seine eigene gequälte Seele, bildlich gesprochen, Michel lebte, er war glücklich.

“Ähm, Chef, Herr Schäuble, entschuldigen sie bitte, Herr Michel”

“Ja, du hast gerade noch gefehlt”, der deutsche Geheimdienstchef wirbelte mit dem Rollstuhl herum, “der Quotenneger, der beste Freund des Menschen, zumindest solange der Mohr brav die Fresse hält. Aber Balthi das Kongoarschloch macht immer einen auf überlegenen Intelligenzgutmensch, still und wortlos beobachtet der Neger meine Handlungen und bewertet diese still und leise und denkt ich würde das nicht mitbekommen. Balthasar, ich warne dich, du weisst das ich dafür sorgen kann, dass die Belgier zurück in dein Heimatland marschieren und deine ganze jämmerliche Brut niederschlachten und glaube mir bevor das passiert flieg ich dich persönlich in den Kongo damit dir auch bloss keine Sekunde des Schlachtfestes entgeht”. Balthasar starrte Michel versteinert an, dann ballte er die Faust und streckte den Mann der ihn als Krankenpfleger engagiert hatte mit einem gezielten Schlag auf das rechte Auge nieder. Der eben noch munter zeternde Deutsche stürzte zu Boden, er lachte, wie von Sinnen steigerte sich dieses Lachen in eine beinahe dämonisch anmutenden Hysterie, Michel genoss jede Sekunde des stechend-dumpf alternierenden Schmerzes, es war wunderbar.

“Endlich zeigt der pazifistische Gutneger sein wahres Gesicht, du schlägst einen Behinderten, einen Rollstuhlfahrer, du bist keinen Deut besser als ich!”

“Halt deine scheiss Fresse”, Balthasar beugte sich über den immer noch am Boden liegenden Michel und schlug ihm die Faust erneut in das Gesicht.

“Das reichen”, Kasparow ergriff den Arm des Kongolesen mit sanfter Gewalt und führte ihn zu einem etwas weiter entfernten Barhocker, Balthasar setze sich. Michel blutete im Gesicht, die beiden Hiebe des farbigen Krankenpflegers hatten ihre Spuren hinterlassen, der Geheimdienstler spuckte etwas Blut welches sich in seinem Mund gesammelt hatte, “Ich brauche keine Hilfe, du Hurensohn, Kasparow, du Hurensohn, hast du Angst, dass ein am Boden liegender Behinderter dir und deinem schwulen Negerfreund mal ordentlich den Arsch aufreisst, komm doch her du arschgefickter Kommunist, komm Kommi, ich fick dich”

“Luft raus”, der Russe drehte sich um machte zwei Schritte auf Michel zu und trat ihm mit ganzer Kraft in den Bauch, endlich wurde es Dunkel in der Welt des Deutschen, Kasparows tritt und der damit verbundene Schmerz hatte das Nervensystem des am Boden liegenden Behinderten die Waffen strecken und ihn in die Ohnmacht flüchten lassen.

Ruhe.

Michel lag bewusstlos auf dem Boden der Flughafenbar, gekrümmt wie eine tote weisse Made, oder ein madenförmiger menschlicher Embryo. “Mensch Kasparow, das war doch vielleicht nicht auch noch nötig”, Baltharsar blickte mitleidsvoll auf den deutschen Geheimdienstchef.

“Es nötig war”, entgegnete der ehemalige russische Schachweltmeister.

Kirk richtete sich auf, die unzähligen Gläser Weinbrand machten ihm offensichtlich kaum oder gar nicht zu schaffen, er ging auf den Russen und den farbigen Krankenpfleger zu die vor dem niedergeschlagenen Deutschen standen. “Macht euch keine Sorgen, eurem Freund geht es gut, um ehrlich zu sein es geht ihm so gut wie vielleicht seit einer langen Zeit nicht mehr. Aber diese kleine Rauferei soll nicht euer Problem sein, viel mehr war es ein Teil einer Lösung, einer Lösung für eines von Michels Problemen, auch wenn er es sicher nicht verstehen wird oder das auch gar nicht will.” “Sie haben gesagt wir Drei seinen die modernen heiligen Könige und seien auf dem Weg zum neuen Sohn Gottes”, fasste Balthasar die ihm bekannten Fakten zusammen, “wir sind jedoch gute neuen Monate zu früh im Heiligen Land eingetroffen weil der eine Gott, den es wohlmöglich tatsächlich gibt, vergessen haben soll die Existenz von Flugzeugen und moderner Kommunikation in seinen göttlichen Plan einzubeziehen.”

“Das ist korrekt”, Kirk nickte ruhig.

“Sie werden jedoch zugeben müssen, dass es höchst ungewöhnlich ist wenn Gott nicht über den aktuellen Entwicklungsstand seiner Schöpfung informiert ist. Das würde entweder bedeuten unser Schöpfer sei nicht allmächtig und auch nicht allwissend, sonst hätte er ja von den technischen Möglichkeiten gewusst, oder seinen Fehler so korrigiert, dass wir ihn gar nicht mitbekommen hätten, es hätte für unsere Realität also gar keine Fehlkalkulation der Ereignisse gegeben. Oder aber Gott hat gar kein Interesse daran, dass wir die Geburtsstätte seines neuen Sohnes erreichen.”

“Auch das ist korrekt”, Kirk schloss die Augen, “aber es gibt noch eine Kraft die sehr starken Einfluss auf unsere Zukunft und unser ganzes Dasein nimmt”.

“Wer?”, Kasparow, der als Altkommunist weder an Gott noch an andere geheimnisvolle Kräfte abseits der Partei glauben durfte, starrte den Boten Gottes, der seinen Namen nicht genannt hatte, obwohl doch mittlerweile genug Zeit für eine förmliche Vorstellung gewesen wäre, erregt und neugierig an. Der Russe erforschte seine Erinnerungen, auch er hatte einmal an Gott geglaubt bevor er sich für eine Karriere in der kommunistischen Partei und ein Leben für den Geheimdienst KGB entschloss, wer sollte denn ausser Gott die Geschicke der Menschen leiten, vielleicht war es dieser oft zitierte und sicherlich überbewertete Begriff des freien Willens, der ihnen allen eine Art Mitbestimmungsrecht an der eigenen Zukunft eröffnete. Kasparow steckte in einer intellektuellen Sackgasse, was nicht seine Schuld war oder gar mentales Unvermögen, es war nur ein Indikator dafür wie erfolgreich er seiner Zeit in der Sowjetunion erzogen worden war, Gott und freier Wille, zwei Seiten einer Medaille die der Kommunismus einschmolz um daraus eine neue Welt zu formen, ohne Gott und ohne den freien Willen.

“Der Autor”, Michel kam langsam wieder zu sich, “der Autor ist die zweite Macht, die unser Leben bestimmt, ihm sind wir direkt unterworfen”.

“Das hatte ich befürchtet”, Kirk griff mit seinen Händen unter die Achseln des Rückkehrers aus dem Reich der Träume, hob ihn mit einer für die Umstehenden verblüffenden Leichtigkeit hoch und setzte den Querschnittsgelähmten zurück in seinen Rollstuhl. “Danke”, Michel wischte sich mit dem linken Ärmel seines Anzugoberteils das angetrocknete Blut aus dem Gesicht, er nahm ein Stofftaschentuch mit gesticktem Monogram “WS” aus der rechten Hosentasche und schnäuzte sich, “Ich habe den Autor gesehen”. “Du wollen Buch schreiben? Oder schon haben schreiben?”, Kasparow zog die Augenbrauen tief herunter bis sie scheinbar auf dem Ansatz seiner Nase auflagen, er hatte Mitleid mit dem deutschen Geheimdienstler, der wohl noch immer unter den Folgen der beiden Fausthiebe des Krankenpflegers in sein Gesicht und des Trittes in den Magen litt. Michel atmete tief ein und aus, am liebsten hätte er dem, seiner Meinung nach, total debilen Alkoholikerrussen ein weiteres Mal geschildert was er von ihm hielt und dabei auch wieder nicht mit Beschimpfungen und Angriffen unter der Gürtellinie gegeizt, doch die Schmerzderivate, die sich in seinem Kopf und seiner Magengegend scheinbar häuslich niedergelassen hatten, sorgten dafür, dass er seinen ersten Reaktionsplan verwarf und statt dessen einen freundlicheren, kooperativeren Ton anschlug.

“Nein, Freund Kasparow, nicht ich gebe mich des Schaffens von Literatur hin”, Michel sprach ruhig und überzeugt von dem Inhalt seiner Worte, “Wir alle in dieser Bar sind nur geschrieben, eine niedergeschriebene Phantasie des Autors, es gibt uns und unsere Mission gar nicht, zumindest nicht in der uns übergeordneten Realität und nicht in dieser Form.

Kirk sackte in sich selbst zusammen, er nahm wieder auf einem der Barhocker platz, wies den Mundschenk an mehr alkoholische Getränke zu servieren und vergrub sein Gesicht in seinen Handflächen, er, der er wahrscheinlich als einziger sofort erkannte, dass Michel nicht nur die Wahrheit sprach, sondern auch die Problematik um das Zeitproblem um die Geburt des neuen Messias und vielleicht auch dessen Lösung in den schwer zu glaubenen Äusserungen des Rollstuhlfahrers zu finden waren. Balthasar schaute Kirk an, dann schaute er Michel an, schlagartig wusste auch er, dass sein Chef niemals solche Behauptungen aufstellen würde, ausser er kämpfte noch gegen die Folgen einer schmerzbedingten Bewusstlosigkeit oder er wirklich von ihrer Richtigkeit überzeugt war und die Körpersprache des Engels, dessen Namen er nicht kannte, war eine deutliche, der Kongolese war überzeugt, Michel glaubte zumindest selbst an das was er da von sich gab.

“Hört auf zu grübeln und zu denken, ich höre das Rattern bis in meinen Kopf hinein”, Kirk rieb sich Augen und Stirn mit beiden Händen, “Michel spricht die für unsere gemeinsame Realität gültige Wahrheit.”

“Was soll das heissen?”

“Wir alle hier in dieser Bar unterstehen dem Willen und der kranken Vorstellungskraft des Autors der unsere Geschichte schreibt, sogar Gott folgt in unserer literarischen Wirklichkeit den Befehlen dieses Menschen. Die Bar gibt es im Übrigen auch gar nicht, zumindest nicht in dieser Form, ist denn keinem von euch seltsam vorgekommen, dass wir ganz alleine in dieser Bar sind, einer Bar an einem der wichtigsten Flughäfen im Nahen Osten? Ist denn Niemandem aufgefallen, dass beinahe der ganze Terminal nahezu, nein gänzlich menschenleer war als wir angekommen sind? Keine Beamten, kein Zoll, keine anderen Passagiere die emsig durch das Gebäude wuseln auf der Suche nach irgendwas, ihrem Gate, ihrer Familie oder sonst etwas. Dann kommen wir in diese koshere Lounge, sie war leer bis auf einen angeblichen Engel, der sich nicht vorstellte und seinen Unmut über einen angeblichen Gott in Wermut zu ertränken versuchte. Wisst ihr was das bedeutet?”, Michel blickte in die Runde.

“Das bedeutet, dass wir das Pech haben, dass unser Autor, der über unser Leben, Schaffen und unsere Zukunft gebietet, leider nicht mit einer all zu grossen Vorstellungskraft gesegnet ist”

“Da sein Adolf Hitler”, Kasparow deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand in Richtung der edelhölzernen und plüschernen Sitzgruppen die bis vor wenigen Sekunden noch völlig leer waren, “Da, Hitler, unglaublich.” Der Russe, Michel der deutsche Geheimdienstchef und Balthasar der Krankenpfleger starrten den Fremden mit dem unverwechselbaren Oberlippenbart an. Kirk, der Engel, blickte nur kurz zu der scheinbar aus dem Nichts aufgetauchten Persönlichkeit der deutschen Geschichte, wandte sich dann sofort wieder seinem alkoholischen Getränk zu und murmelte, für seine Begleiter unhörbar in sich hinein, “Jetzt habt ihr ihn erzürnt”.

Kasparow erlangte als erster wieder die Fassung und ging mit eiskalter Miene und forschen Schrittes auf den mutmasslichen Diktatorersatz zu. Die Person, die wirklich erschreckend wie Adolf Hitler aussah, braune SA Uniform, Hakenkreuzabzeichen, die schleimige Pomadenfrisur und nicht zuletzt der markante Bart, alles stimmte und doch konnte diese teuflische Person gar nicht mehr existieren. Gut, jeder hatte einmal von den wildesten Gerüchten über eine Flucht Hitlers aus dem zerbombten Berlin gehört und die Legenden, die versammelte Nazioberschaft habe den Krieg überlebt und lasse es sich mit Hilfe einst verfeindet-allierter Geheimdienste in Südamerika, einem entfernten Sternensystem oder der Antarktis gut gehen hielten sich in gewissen Kreisen standhaft, aber der Russe konnte und wollte dies nicht glauben und beschloss der Angelegenheit mit grösster Vorsicht aber nicht minder entschieden auf den Grund zu gehen. Kasparow trat an den Tisch heran an dem der uniformierte Hitlerdoppelgänger sass und scheinbar völlig ruhig einen Espresso aus einer fingerhutartigen Kleinsttasse trank. Der Mann, der aussah wie der ehemalige deutsche Chefvolksverhetzer sah Kasparow auf ihn zukommen, stand mit einer zackigen Bewegung auf und tat einen Schritt auf den Russen zu, streckte die rechte vor um sie dem ehemaligen Schachweltmeister zur Begrüssung zu reichen, senkte den Kopf beinahe würdevoll und sprach, “Gestatten, Hitler, Adolf Hitler”, dabei rollte er das R kaum und sprach auch sonst nicht so abgehackt und hitleresque wie Kasparow erwartet hatte. Verwirrt gab ihm der Russe die Hand, “Guten Tag, ich Kasparow, Schachweltmeister”, das er nur ehemaliger Schachweltmeister war verschwieg er, woher sollte eine längst gestorbene Person über die Vorgänge des modernen Schachspieles informiert sein.

“Aha, ein Russe”, kein Zweifel, der Mann der antwortete war Adolf Hitler, “nun, das ist mir auch egal, sagen sie mir nur wie ich hier her gekommen bin und wenn sie einmal dabei sind verraten sie mir auch wo genau Hier ist.”

“What´s this shit? Where am I”, plötzlich stand eine weitere Person in der kosheren Flughafenbar von Tel Aviv, es war George Walker Bush, der in einem hellblauen Frotteeschlafanzug der im wilden Versatz mit kleinen grün-roten Rennautos bedruckt war neben Kasparow und dem deutschen Exführer, “Hey, I was just gettin´ready for bed, Laura, where are you? So this means I won´t get no hot chocolate for bedtime?”

“Der Autor eskaliert”

Michel, Balthasar, Kasparow und Adolf Hitler blickten Kirk, der immer noch am Tresen sass und einen Weinbrand nach dem anderen in sich hinein kippte, aufgeregt an, nur der amerikanische Präsident hockte sich im Schneidersitz auf den Teppich der Bar und begann zu schmollen. “So if I don´t get no hot chocolate or Laura messes up on the marshmellows once again I will be throwing some serious bombs at someone, believe me”, Bush steckte sich dabei den Daumen der linken Hand in den Mund wodurch seine weiteren Einlassungen zur Unverständlichkeit verdammt wurden. Michel rollte auf den maulenden Präsidenten zu, spannte die Handfläche seiner rechten Hand und verpasste dem erstaunten Amerikaner eine schallende Ohrfeige, “Will you stop quengeling, ich meine whineing, we have grösser problems als dein scheiss hot Schokoladenscheiss”. Hitler neigte den Kopf, sah den Mann von dem er nicht wusste, dass er der amerikanische Präsident war kurz in die Augen, ballte seine rechte Faust und schlug dem wimmernden Schlafanzuträger in einem spitzen Winkel direkt auf das Nasenbein, welches unter der unerwarteten Krafteinwirkung sofort den Weg eines nordrheinwestfälischen RWE-Strommastes ging und brach. Bush legte beide Hände vor sein demoliertes Riechorgan, er blutete wie ein abgestochenes Schwein, der rote Lebssaft rann an seinen Handfächen entlang zu den Bündchen seines Schlafanzuges welche sich sogleich rot färbten, er tropfte sich gerade noch die Beine seiner frottierten Schlafanzughose voll als er auf dem Bett in seinem ehelichen Schlafzimmer den nächsten Gedanken fasst. Die Präsidentengattin Laura betrat den Raum, in der Hand eine dampfende Grosstasse in der sich wohl der eben noch geforderte heisse Kakau befand, lässt diese jedoch erschreckt fallen als sie ihren aus der Nase blutenden Ehemann erblickt, die flüssige Trinkschokolade wird von dem achtziger Jahre Flokatiteppich beinahe zur Gänze absorbiert, ihre Gesichtszüge verfinsterten sich.

“You promised you would not do drugs anymore!”

“Wo ist er hin?”, Balthasar, der sich eben noch für den amerikanischen Präsidenten einsetzen und ihn vor dem Groll der Anwesenden schützen wollte, wusste nicht was passiert war, der weinende Mann im hellblauen Schlafanzug, der vor wenigen Augenblicken da vor ihm auf dem Boden sass und sich die gebrochene Nase hielt, war verschwunden.

“Das ist das Ende”, Kirk winkte den immer wieder aus dem Nichts auftauchenden Barkeeper mit wilden Gesten zu sich heran, er bestellte gleich drei Gläser Weinbrand für sich und noch einmal Doppelte für die anderen Anwesenden, auch für Adolf Hitler, der sich sogleich und ohne weiter über George Bushs Auftritt, sein Verschwinden oder sein eigenes unvermitteltes Auftauchen nachzudenken.

“Prost”, Hitler stürzte den Weinbrand herunter, klack, Hacken zusammen.

“Ich kann es kaum glauben, da steht Adolf Hitler und trinkt einen Weinbrand den ihm ein Engel ausgibt, der sich immer noch nicht vorgestellt hat und von dem ich nicht einmal weiss ob er wirklich ein Bote Gottes ist. Was soll das alles? George Walker Bush taucht kurz in einer Bar auf in der wir bis eben noch völlig allein waren und dann verschwindet er wieder genauso plötzlich.”, Balthasar hatten die letzten Minuten in der Lounge ordentlich zu schaffen gemacht denn auch er griff dieses Mal nicht zur Diätcola, sondern zu dem doppelten Weinbrand den der ebenso zügig servierende wie geheimnisvolle Mundschenk an den Sitzplätzen der Gäste abgestellt hatte. “Wo ist Kasparow?”, hühnergleich ruckartig schaute Michel nach allen Seiten, “Der Russe ist weg, einfach weg, genau wie Bush zuvor, Engel, was geht hier vor sich?” “Weg”, antwortet Kirk monoton und beinahe desinteressiert, “es ist zu spät für Erklärungen, trinkt Alkohol so lange ihr noch könnt, das wird alles sein was euch hier noch bleibt, sauft, raucht und haut euch auch sonst noch alles rein was der zugegeben dünn gesäte bewusstseinserweiternde Markt hier in Israel hergibt”.

“Wo ist Adolf?”, entfuhr es Michel, der sich sogleich schämte, dass er den Faschisten scheinbar duzte und wollte just noch eine Richtigstellung hinterherschieben als er bemerkte, dass sein farbiger Krankenpfleger vor dem er sich gerade noch rechtfertigen wollte, nicht mehr in der Flughafenbar zugegen war. Der deutsche Geheimdienstler wendete seinen Rollstuhl und fuhr auf Krik, der sein drittes und letztes Glas Weinbrand an die Lippen setzte, zu, der Engel drehte seinen Kopf in Michels richtung und bewegte die Lippen, “Auf Wiedersehen, Herr Schäuble, vielleicht sehen wir uns tatsächlich einmal wieder, sie wissen wo sie mich finden können, gleich hier in der kosheren Bar am internationalen Flughafen von Tel Aviv.”

Dann hatte sich auch Michel alias Schäuble in Luft aufgelöst und Kirk ärgerte sich ein wenig darüber, dass er wieder einmal einen zu langen Satz formuliert hatte und der deutsche Geheimdienstler schon verschwunden war bevor er ihn zu Ende gehört haben konnte.

“Barkeeper, jetzt hätte ich gerne einen dreifachen Vodka, zur Abwechslung”

2 Antworten zu “Story

  1. laaaaangweilig…!

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